Donnerstag, 26. Januar 2017

Die Buchspringerin Mechthild Gläser




~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Vorweg ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Mit „Die Buchspringer“, erstmals erschienen Anfang 2015 beim Loewe Verlag, setzt die Autorin Mechthild Gläser eine Idee um, die eigentlich alle Leseratten ansprechen dürfte, auch weit über das empfohlene Lesealter von 12-15 Jahren.

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Inhalt des Buches ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Die 15-jährige Amy Lennox verbringt den Tag am liebsten mit der Nase in einem Buch. Da steht es natürlich außer Frage, dass sie für die Sommerferien auf der schottischen Insel Stormsay, von der ihre Mutter stammt, lieber Bücher als Klamotten in den Koffer packt. Doch schnell muss Amy feststellen, dass sie diese hätte getrost zu Hause lassen können, denn auf dem winzigen Eiland dreht sich bereits alles um Bücher. Und ehe sich die junge Leseratte versieht, befindet sich plötzlich mitten IN ihren Lieblingsgeschichten. Denn Amy hat die Fähigkeit des Buchspringens geerbt und kann die Literatur fortan nicht nur mit dem Geist bereisen. Was sie auch gleich ausgiebig nutzt, denn welcher Bücherbegeisterte würde sich schon die Gelegenheit entgehen lassen, an der Seite seiner Lieblingscharaktere die Geschichten hautnah mitzuerleben? Aber die heile Buchspringerwelt währt nicht lange, denn das Böse treibt sein Unwesen und bringt die Welt der Literatur aus den Fugen.
Amy setzt alles daran ihre geliebten Geschichten zu retten und stößt dabei nicht nur auf literarische Geheimnisse.

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Cover, Bilder und Gestaltung ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Das Cover von „Die Buchspringer“ ist nicht besonders spektakulär, da es im Grunde nur die Silhouetten einiger Figuren und herumfliegende Bücher vor einem ziemlich einnehmenden türkisfarbenen Hintergrund zeigt. Die Silhouetten sind zwar klar identifizierbar, symbolisieren aber auf den ersten Blick nur eine jeweilige Übergruppe. Erst im Zusammenspiel mit dem wirklich gut geschriebenen Rückentext erschließt sich dem Interessierten die eigentliche Bedeutung der Figuren. Da es im Design mal etwas anderes ist und doch recht peppig wirkt, wird es besonders die Zielgruppe bestimmt gut ansprechen.
Mich konnte es dagegen eher weniger überzeugen, da mir gerade die Farbgestaltung zu intensiv und modern ist und mich auch das Motiv nicht vom Hocker reißt. Ich hätte mir eher etwas gewünscht, dass die Bücher noch mehr in den Mittelpunkt stellt, obwohl ich die angestrebte Symbolik natürlich verstehe. Aber für mich wäre ein etwas traditionelleres Bild z.B. mit Bezug auf die interessanten Familienwappen anziehender gewesen.
Da ich eh kein reiner Coverkäufer bin und der Rückentext sowieso schon alle Zweifel ausräumte, dass mir das Buch gefallen könnte, ist darüber aber hinwegzusehen.
Grafisch schön gestaltet finde ich allerdings die jeweiligen Abschnitte der „anderen“ Geschichte, die auch ohne, dass man zunächst den Zusammenhang versteht, wirklich auch wirken wie aus einem alten Märchenbuch.
Die Schriftgröße fand ich für ein Jugendbuch erstaunlich klein gewählt, mich hat es jedoch überhaupt nicht gestört.

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Meine Meinung zum Buch ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~

Schreibstil:
In den ersten anderthalb Kapiteln fand ich Mechthild Gläsers Schreibstil wirklich – wie soll man es sagen – nett. Anschaulich, flüssig, verständlich und hier und da blitzten ein paar Formulierungen durch, die mich zum Schmunzeln brachten und mein Herz frohlocken ließen, dass die Autorin noch zu weitaus mehr fähig ist. Aber dann kam die Beschreibung des Interieurs der Eingangshalle von Lennox House und es war um mich geschehen, der Zauber ihrer Worte schlug mich in den Bann, denn sie schaffte es mit wundervollen Beschreibungen, witzigen Vergleichen und Eigenkreationen, die Geschichte lebendig in Szene zu setzen. Und obwohl viele Formulierungen durch ihre Wortgewandtheit zu etwas besonderen wurden, wirkte der Schreibstil keineswegs zu gehoben oder eingestaubt, sondern trotzdem noch jugendlich, aber auch nicht zu umgangssprachlich, und leicht verständlich, sodass die Ziellesergruppe sich sehr gut zurecht finden dürfte.
Auch wenn manche Szenen doch eher ruhig verliefen und manchmal nicht unbedingt hätten sein müssen, so hielt mich die Erkundung der sprachlichen Fähigkeiten der Autorin stets bei Laune. Hätten mich nicht äußere Umstände immer wieder zu längeren Pausen genötigt, hatte ich das Buch vermutlich in einem Rutsch gelesen, denn der Schreibstil ist wirklich spannend und an den richtigen Stellen malerisch und geschickt eingesetzt, ohne dabei abgehoben zu sein.
Allein dafür hat sich das Lesen bereits gelohnt.   
Dank ihres Schreibstils und auch der gut gestalteten Charaktere bin ich auch sehr gut mit dem Ich-Erzähler klar gekommen, was sonst nicht immer der Fall ist. Interessant dabei fand ich aber auch die clever eingesetzten Sichtwechsel zu einem weiteren Hauptcharakter, die doch einen Teil der Handlungsverstrickungen erst möglich gemacht, für den Leser im ersten Moment aber einfach mal nur etwas Abwechslung hineingebracht haben. 

Story:
Bereits die Idee des „Buchspringens“ machte für mich klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen wollte, denn welcher Büchernarr hat nicht schon von solch einer Begabung geträumt?
Die Story an sich verlief dann aber ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte und das nicht im Negativen. Tatsächlich hat die Autorin einige interessante Stränge erschaffen und sie geschickt zu einem Ganzen verflochten, das mich an vielen Stellen schon überrascht hat. Besonders, dass doch Krimielemente einen nicht geringen Teil der Story ausmachten, war so im ersten Moment nicht zu erwarten, hat aber viel der Spannung erzeugt, zumal es Mechthild Gläser wirklich sehr gut geschafft hat falsche Fährten in die verschiedensten Richtungen einzubauen. Ab einem bestimmten Punkt fallen dem aufmerksamen Leser trotzdem sicher Dinge auf, die Ahnungen der richtigen Lösung aufkommen lassen. Dennoch war dann die Umsetzung der Klärung der Ereignisse am Ende ganz anders, als ich es vermutet hatte und somit überhaupt nicht schlimm, dass man bereits eine Ahnung hatte.
Für die Kürze des Buches gab es wirklich erstaunlich viele gute Handlungsstränge und auch Charakterentwicklung, doch leider gab es hier auch das für mich größte Manko: Die Geschichte wurde an einigen Stellen für meinen Geschmack viel zu schnell voran getrieben und dadurch gab es dann auch neben kleinen Unstimmigkeiten, die mir aber erst im Nachhinein eingefallen sind und mich also während der Geschichte nicht gestört haben, auch eine Szene, die so für mich überhaupt nicht passend ist und leider die traditionsreichen Buchspringerclans, die ihr Leben dem Schutze der Literatur gewidmet haben, in ein echt lächerliches Licht rückt. Amy erfährt von ihrer Gabe, man drückt ihr ein Buch in die Hand und es heißt im Grunde „Hier spring, viel Spaß!“, ohne ihr auch nur irgendetwas zu erklären und erst DANACH wird ihr aufgezählt, was sie alles nicht machen darf… Das macht überhaupt keinen Sinn, denn sie hätte bereits da eine ganze Geschichte zerstören können. Keiner konnte davon ausgehen, dass ein Buchcharakter sie davon abhält etwas Dummes zu tun, was man ihr ja noch nicht mal hätte vorwerfen können, weil sie es einfach nicht wusste. Wo bleibt da bitte der Schutz der Literatur?
Aber nachdem ich dies verdaut hatte, konnte ich mich trotzdem wieder auf die Story einlassen, denn im Großen und Ganzen war sie ja wirklich gut konstruiert. Nur leider an vielen Stellen wirklich zu wenig ausgebaut. Ich hätte mir zum Beispiel viel mehr erhofft mit Amy die Buchwelt zu erkunden und noch viel mehr Romane von „innen“ kennen zu lernen, bevor es losgeht, dass Sachen plötzlich schief laufen. Denn so hätte man noch eine viel bessere Bindung dazu aufbauen können und noch mehr mitgefiebert, ob es Amy gelingt die Literatur zu retten. Denn genug Ideen hätte die Autorin für weitere Streifzüge sicher gehabt, immerhin war der kurze Einblick, den man von der Buchwelt gewinnen konnte, sehr liebevoll und kreativ gestaltet. „Zeile“ zu besuchen war einfach großartig.
Allerdings war hier wohl der größte Feind, der Seitenmangel, sodass auch einige andere angeschnittene Handlungsfäden irgendwann im Sande verliefen, was zwar zu verschmerzen ist, aber irgendwie schade, denn es steckte so viel Potenzial in allem. Eigentlich hätte man gleich ein ganze Serie aus dem Band machen können, denn ich hätte wirklich auch gern noch mehr über die „Funktionsweise“ der Buchwelt und des Springens erfahren, um das Bild abzurunden, denn viele Details blieben nur am Rande oder ganz unerwähnt.
Die Gestaltung und der Einsatz der Märchenabschnitte waren allerdings wirklich gut gemacht und obwohl man am Anfang noch nicht viel mit ihnen anfangen konnte, entfaltete sich ihre Wirkung dann aber im richtigen Moment.
Im Nachhinein blieben auch noch einige ungeklärte Logikfragen, dennoch hat es das Gesamtkonzept, die Charaktergestaltung und vor allem der Schreibstil geschafft mich in den Bann zu ziehen und das Buch zu einem Genuss zu machen, da man wirklich erkannt hat, dass die Autorin mit viel Liebe und Sorgfalt beim Erschaffen der einzelnen Themenkomplexe herangegangen ist und sie gekonnt zu einem sich nach und nach zusammensetzenden Puzzle verstrickt hat, dass trotz einiger, weniger spannungsgeladenen Szenen, doch nie Langeweile hat aufkommen lassen.
Die doppelte Länge und alles wäre perfekt gewesen ;)    

Charaktere:
Für die „Kürze“ des Buches hat „Die Buchspringer“ verhältnismäßig tatsächlich recht viele Charaktere, die alle auf ihre Weise eine Bedeutung für die Geschichte haben und zum Großteil ziemlich detailliert und liebevoll beleuchtet werden.
Ein paar fallen natürlich etwas hinten runter, aber das geschieht in einem, für meine Begriffe, verzeihlichen Maße.
Und zu meiner Überraschung waren eigentlich auch alle echt angenehm. Obwohl viele wirklich gut, interessant und authentisch dargestellt sind, konnte allerdings keiner so richtig mein Herz gewinnen, was aber auch nicht schlimm ist, denn es gab auch keinen Charakter, der mir total auf die Nerven ging.
Auch wenn sich einiger Klischees in der Grundgestaltung bedient wurde, drängten die nicht so in den Vordergrund wie zunächst befürchtet. Alleskönnerin und Vorzeigetussi Betsy war z.B. überhaupt nicht so nervig wie ich erwartet hatte, sondern bekam im richtigen Maße Tiefe, um aus ihr einen glaubhaften Charakter zu machen.
Auch Amy als Protagonistin war sehr wohltuend, da sie eben ein eher zurückhaltender Typ ist und die meisten Leser dürften sich wohl automatisch durch die Bücherliebe zu ihr verbunden fühlen. In manchen Punkten hat sie zwar für meine Begriffe etwas überreagiert, was aber in Hinblick, dass sie einfach noch ein Teenager ist, für den einige Dinge eben dem Weltuntergang gleich kommen, völlig in Ordnung war.
Was Amy allerdings wirklich sympathisch gemacht hat, ist die Tatsache, dass auch sie als absoluter Bucherwurm tatsächlich nicht alle bedeutenden Werke in und auswendig kennt, wie man es vielleicht erwarten würde. Zum einen ist dies ein sehr cleverer Schachzug um geschickt kurze Inhaltsangaben zu den betreffenden Büchern einzubauen und zum anderen bekommt man dadurch eben auch vermittelt, dass es kein Makel ist, wenn man trotz der Liebe zu Büchern nicht die ganze Weltliteratur kennt. Tatsächlich hatte ich am Anfang nämlich Bedenken, ob ich „Insider“ verstehen würde, da ich kaum eines der angesprochenen Bücher je selber gelesen habe und nur die grobe Handlung kenne. Doch dies war überhaupt kein Problem, da auch Amy viele Geschichten erst für sich erkunden musste und man mit ihr lernen durfte, statt unterschwellig vermittelt zu bekommen, wie unwissend man doch ist.
Besonders ist natürlich das Kennenlernen „zwischen den Zeilen“ bereits bekannter Figuren aus der Literatur, welches den Charakter eben oft ganz neu beleuchtet. Ich hätte gern noch mehr solcher Begegnungen gehabt. 

Fazit:
Ein wundervolles und absolut empfehlenswertes Buch, das einen neuen Blick auf die Literatur eröffnet und sicher viele Leser anregt, sich vorzustellen wie ihre Lieblingsgeschichte wohl fern ab der Handlung wäre, oder was sie so alles mit dieser Gabe anstellen würden. Es ist auf jeden Fall eine Bereicherung für den Bücherschrank, gerade auch wenn man zwischen den Zeilen zu lesen und Botschaften zu verstehen vermag.
Wäre der Platz gewesen, um verschiedene Stränge noch etwas auszubauen, hätte es die volle Punktzahl von mir bekommen, denn eigentlich haben „Die Buchspringer“ alles was ein gutes Buch haben muss, so sind es aber leider „nur“ 4,5 (oder auch 4,75 ;) ) von 5 Sternen.
Aber wenn ich das nächste Mal in „Zeile“ bin, halte ich einfach Ausschau nach einem Sonderangebot für Extraseiten um „Die Buchspringer“ zu perfektionieren ;)
Und gegen eine Fortsetzung hätte ich auch nichts einzuwenden.
 
~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Wem würde ich das Buch empfehlen? ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Ganz einfach: Wer Bücher liebt, sollte „Die Buchspringer“ unbedingt lesen!

Taja
von Nickypaulas Bücherwelt


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