Montag, 6. Februar 2017

Der Earl von Gaudibert



~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Vorweg ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Die Novelle „Der Earl von Gaudibert“ von M.W. Ludwig erschien Anfang Januar 2017 im Art Skript Phantastik Verlag und geht bereits in die zweite Auflage. Nach neuerer Definition ist es im Genre Steampunk einzuordnen, wobei nicht auf klassische Steampunk-Elemente zurückgegriffen wird, was aber nicht negativ zu verstehen ist.  

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Inhalt des Buches ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Mit seinen Abenteuern auf dem Mond pflegt der englische Gentleman Graham McPherson sein vornehmes Publikum in den Londoner Clubs zu unterhalten. Dass er diese Weltraumfahrten natürlich nur theoretisch unternommen hat, ist dabei Nebensache, wird aber ein Problem, als ein Neider ihn auffordert, seine Geschichten doch zu beweisen. McPherson sieht sich natürlich gezwungen auf diese Herausforderung einzugehen, um sein Vermögen, viel wichtiger aber sein gesellschaftliches Ansehen zu wahren.
Aber wie soll er beweisen, dass er Earl eines Mondkraters ist, wenn er doch noch nicht einmal ein Weltraumschiff besitzt? Immerhin ist es 1895.
Es bleibt dem verzweifelten Earl also nur, die wissenschaftlichen Theorien einer Mondreise endlich in die Praxis umzusetzen. Doch dazu braucht es tatkräftige und nicht minder verrückte Unterstützung, die McPherson in Schlitzohr Suggs und Thailänderin Gann findet.
Wird es dem Earl gelingen in kürzester Zeit nicht nur die Herzen seines Publikums, sondern auch den Mond wieder für sich zu gewinnen?  

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Cover, Bilder und Gestaltung ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Das Cover des „Earls von Gaudibert“ ist mit seinen mystischen Farben und den von unbekannten Schriftzeichen eingerahmtem Mond wirklich sehr gut gelungen. Trotz weniger Elemente spiegelt es die Faszination Weltraum wieder, vermittelt einen Hauch des Geheimnisvollen, bringt durch die „Plaketten“, mit den Buchtitel und Verlag hinterlegt sind und die Verschnörkelungen, aber auch den klassischen und vornehmen Stil der beschriebenen Epoche gut zur Geltung.
Die sowohl im Cover als auch neben den Seitenzahlen platzierten Hände, wären zwar nicht unbedingt nötig gewesen, erinnern in ihrer geschwungenen Art, aber an einen Glühbirnendraht, sodass damit auch dem wissenschaftlichen Aspekten der Geschichte gezollt wird.
Auch etwas überflüssig fand ich die Auflistung von Kapiteln und Seitenzahlen, da die Kapitel teilweise so kurz sind, dass man sie auch rein beim Durchblättern findet, insofern man ein bestimmtes suche, was allerdings nicht sehr wahrscheinlich ist, da sie sowieso nur Zahlnamen tragen.
Was der ein oder andere vielleicht noch aus früheren Werken kennt, war sehr nett hier wiederzuentdecken – zahlreiche Fußnoten, die auf Grund der Verwendung verschiedener Sprachen auch wirklich nötig waren. Einzig etwas störend war der Trennungsstrich, wenn er manchmal Text und Fußnotennotiz nur sehr knapp voneinander abgrenzte.    

~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Meine Meinung zum Buch ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Schreibstil:
Wie für die Epoche und den Handlungsort England standesgemäß, schreibt M. W. Ludwig in einem sehr gehobenen Stil, der seiner Hauptfigur McPherson und dessen Umfeld die nötige Authentizität verleiht, aber dennoch in keinsterweise schwerfällig wirkt, sondern durch überaus unterhaltsame Formulierungen immer wieder aufgelockert wird, sodass für mich allein die Erkundung der sprachlichen Fähigkeiten des Autors schon ein Grund zum Weiterlesen war. Wer bisher allerdings eher weniger mit diesem geschichtlichen Zeitabschnitt zu tun hat, könnte über einige Fremdwörter stolpern, die nicht erklärt sind. Da es sich zumeist aber um Kleidungselemente handelt, die einfach heute nicht mehr geläufig ist, fand ich es jetzt nicht schlimm, dass diese nicht näher beleuchtet wurden, da es der Geschichte keinen Abbruch tut, selbst wenn man diese nicht versteht.  
Gut umgesetzt ist auch die Verwendung unterschiedlicher Ausdrucksweisen verschiedener gesellschaftlicher Schichten, wobei ich im Zuge von manch inhaltlich sehr schneller Szene doch bemerkte, dass sich diese mitunter vermischten, was aber für den guten Lesefluss an sich nicht weiter von Belang ist.
Dem sonst wirklich sehr unterhaltsamen und flüssigen Schreibstil taten lediglich einige unschöne Rechtschreib-und Formatierungsfehler Abbruch, welche so konträr zur eigentlichen Sorgfalt, mit der die Geschichte konstruiert wurde, standen. Nach Kontaktaufnahme mit dem Verlag, werden diese aber sofort nachgebessert. Ab der 3. Auflage bietet das Buch also auch ein optisch stolperfreies Lesevergnügen, sodass dies für die Bewertung nicht mehr so ins Gewicht fällt.  

Story:
Um den „Earl von Gaudibert“ gänzlich zu genießen, sollte man sich im Hinterkopf behalten, dass es sich dabei um eine Novelle handelt, denn es gibt gewisse Dinge, die man einem Roman oder einer Kurzgeschichte sehr wohl ankreiden würde, die im Rahmen einer Novelle aber durchaus konform gehen. Auch wenn die Unterscheidung nicht immer ganz klar ist, treten hier doch deutliche Elemente dieser Gattung auf, wie die im Mittelpunkt stehende und alles ins Rollen bringende, ungewöhnliche oder unerhörte Begebenheit, hier in Form der Lügenbezichtigung, die McPherson zum Handeln zwingt. Dabei dreht es sich hauptsächlich um diesen Handlungsstrang, sodass für große Situationserklärungen, Rückblicke in die Vergangenheit oder langsame Charakterentwicklung weder Platz noch Bedarf besteht. Allerdings werden doch einige kurze Nebenhandlungen eingebaut, die zum Teil bewusst offen gelassen werden, um überraschende Wendungen zu ermöglichen. Es gab aber auch hier und da gewisse Informationen, die tatsächlich unnötig waren, weil sie dem Leser doch Neugierde beschert haben, aber nicht wieder aufgegriffen wurden.
Auch hätten manchen Szenen, der ein oder andere Satz mehr nicht geschadet, denn es entstanden manchmal Situationen, die vom Handlungsablauf nicht ganz stimmig waren, da nur eine Kleinigkeit vergessen wurde zu erwähnen wie z.B. das eine Person, die eben noch bewusstlos war, plötzlich im Angesicht eines Sturzes die Augen schloss…
Während man gerade so schön in der spannungsgeladensten Szene des Werkes gefangen war, überkommt den Leser das sehr kurze Ende mit geradezu brachialer Gewalt. Natürlich hegt man den Wunsch, dies noch etwas ausführlicher mitzuerleben, da aber in der Novelle zumeist nicht dem Resultat, sondern dem Ereignis an sich mehr Gewichtung gegeben wird, kann dies auch nicht negativ angekreidet werden.
Ein nicht hervorstechender, aber keines Falls nicht zu beachtender Fakt, ist das ebenso clevere, wie unterhaltsame Einbinden von diversen Persönlichkeiten geschichtlicher, und das ist zweideutig gemeint, Natur. Es mag einen zwar nicht jeder Name geläufig sein, aber es lohnt sich auch nach Unbekannten zu suchen, um in den Genuss der ganzen Tragweite des gekonnten Einsatzes dieser Personen zu kommen, die Fiktion und Geschichte auf zweierlei Art verbinden.
Insgesamt ist die Geschichte wirklich sehr gut gemacht und trotz des kurzen Handlungszeitraums mit vielen Details und überraschenden Wendungen versehen, sodass eigentlich nie Langeweile aufkommt. Der Autor hat sich der Gattung Novelle wirklich sehr geschickt angenommen und zu Nutze gemacht.  

Charaktere:
Trotz der kurzen und recht schnelllebigen Story geraten die Handlungsträger gar nicht so in den Hintergrund, wie vielleicht vermutet. Zwar tauchen sehr viele Nebenpersonen auf, die nicht weiter beleuchtet werden, was aber überhaupt nicht schlimm ist, denn die Kombination der drei sehr unterschiedlichen Hauptfiguren sorgt für genügend Unterhaltung und Abwechslung. Sie bedienen zunächst Klischees, warten aber alle mit nicht ganz vorhersehbaren Entscheidungen auf, sodass sie immer interessant bleiben und man nach nur kurzer Zeit ihre Gesellschaft nicht mehr missen möchte.
Auffallend ist allerdings die recht schnelle Entwicklung oder spontanen Meinungsänderungen der Figuren, welche ich einem Roman durchaus übel genommen und als unglaubhaft bezeichnet hätte, ich auf Grund des Novellencharakters aber nicht anklagen kann.

Zu den Personen im Einzelnen soll an dieser Stelle nichts weiter verraten werden, die sollte man für sich wirken lassen.

Fazit:
Obwohl der Einstieg ein wenig holprig erschien, schaffte der Autor es schnell mich mit gekonnten und spitzfindigen Formulierungen zu begeistern und der Story trotz der anfänglichen sehr getragenen Szenerie, die nötige Würze zu verleihen. Die Geschichte um den Earl und seine außergewöhnliche Crew blieb zu jeder Zeit spannend und raffiniert gestrickt.
Zwar erinnert es in manchen Zügen etwas an „In 80 Tagen um die Welt“, sodass man doch erahnen kann, das noch mehr hinter manchen Dingen steckt, wie sie umgesetzt wurden verleiht dem „Earl von Gaudibert“ aber die ausreichend eigene Note und stellt gleichzeitig  den Trend der damaligen Zeit gut dar.  
Auch wenn es hinsichtlich der knapp 200 Seiten nur ein kurzweiliges Lesevergnügen war, so war es doch eins.
Da mir trotzdem an mancher Stelle das Quäntchen zur Perfektion fehlte und mich die leider noch vorhandenen Fehler immer wieder zum Stolpern brachten, verdient sich der Earl hochachtungsvolle 4 von 5 Monden, äh Pardon, Sternen.
 
~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~ Wem würde ich das Buch empfehlen? ~ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ~
Wer Lust auf eine unterhaltsame, wie intelligent konstruierte Reise zum Mond hat, der ist mit dem „Earl von Gaudibert“ bestens beraten.
Das Lesealter würde ich trotzdem frühestens ab 16 ansetzen, da der ein oder andere im Jugendalter in Hinblick auf gehobene Sprache und Fremdwörter vielleicht doch die Lust verlieren mag.

Es empfiehlt sich, Taja
von Nickypaulas Bücherwelt

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